RAUMNEHMEN – wie sieht für dich eine Person aus, die das tut?
RAUMNEHMEN – eine Provokation, wenn du es gewohnt bist, dich möglichst klein zu machen und unsichtbar zu sein – sei es, um dich zu schützen, oder weil es von dir erwartet wird.
Darum liebe ich den Buchtitel. Er ist eine Erlaubnis und vielleicht sogar eine Aufforderung.
Das Buch „RAUMNEHMEN“
Das Buch enthält Beiträge von 55 Menschen aus asiatisch-diasporischen Communities in Deutschland. Wir erzählen selbst in unseren eigenen Worten von unseren Geschichten und Erfahrungen. Es wird nicht über uns geschrieben, wenn überhaupt.
Der Verein korientation hatte einen Open Call für das Buch gestartet.
Was ich mitnehme
Es war schön, das Buch zu lesen. Manchmal war es schwer. Unterdrückte Gefühle kamen hoch. Dann braucht es Pausen zwischendurch.
In der Vielfalt und Menge der Geschichten nehme ich mir zu einigen Aspekten Gedanken mit. Einige Aspekte bringen mich zum Nachdenken, andere sind mir klarer geworden.
Identität – suchend
Die Suche nach der eigenen Identität – das kennen alle. Wir alle suchen Orientierung und Zugehörigkeit.
Suchen nach Vorbildern.
Suchen nach geteilter Erfahrung mit Eltern, während wir völlig unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben.
Sehnen nach gemeinsamen Erinnerungen, die es nicht gibt.
Suchen nach gemeinsamer Sprache mit Familie,
möchten uns ausdrücken können.
Es beginnt schon bei den Sprachkenntnissen, fehlende Worte.
Über schwierige Themen sprechen, auch ohne fehlende Worte fehlen oft Worte.
Suchen wegen Fragen anderer.
Dein Name.
Wie wird er ausgesprochen? Woher kommt er? Wie wird er geschrieben?
Passt er?
Für dich. Für andere.
Zugehörigkeit.
Dazwischen, halb, doppelt, genug?
Durch weitere Othering-Fragen erinnert die Dominanzgesellschaft immer wieder daran, dass du nicht dazugehörst.
Politische Stimmung, die die eigene Existenz immer wieder in Frage gestellt.
Also
„immer suchend, nie endgültig findend.“
Wir haben unterschiedliche Wege.
Wir durchlaufen verschiedene Phasen.
Wir gehen unterschiedlich damit um.
Wir sind mit unserer Suche nicht allein. Das zeigen die vielen Geschichten.
Vereinzelt sein
In vielen Räumen, wie dem Arbeitsplatz, sind wir vereinzelt. Das passiert, wenn wir die für uns vorgesehenen Wege verlassen. Rassismus und andere -ismen sorgen häufig dafür.
Das bedeutet, dass wir mit vielen unserer Erfahrungen in diesen Räumen allein sind. Sie werden oft nicht anerkannt oder gesehen. Weder von anderen noch von uns selbst.
Wenn wir keine Community haben, gibt es keinen Raum, in dem wir sie teilen können. Bücher wie dieses helfen und zeigen, dass andere ähnliche Erfahrungen machen und dass wir damit nicht allein sind.
Community – heilend und kompliziert
Die Lesungen zum Buch bieten Communities eine Gelegenheit, sich zu treffen.
Community kann heilen.
Community kann dir das geben, was die weiß-deutsche Gesellschaft nicht geben kann.
Community kann ein Ort sein, um zu überleben.
Community kann Druck ausüben.
Community kann einengen.
Ich bin in keiner Community aufgewachsen. Ich habe lange nach einer Community gesucht. Nun merke ich, dass es kompliziert ist. Es ist schwierig, wenn mensch darin nicht aufgewachsen ist.
Vielfältige Erfahrungen
Geschichten von vielen Menschen.
Vieles ähnlich.
Vieles unterschiedlich.
Wir alle teilen Rassismuserfahrungen.
Ich habe selbst Schubladen und Erwartungen, in der wir eine Masse sind.
Aber wir sind vielfältig.
Wir machen nicht alle dieselben Erfahrungen und haben nicht alle dieselben Gefühle.
Viele Geschichten eröffnen den Raum für diese Erkenntnis.
Raum nehmen?
Die Räume verengen sich. Wir dürfen nicht überall Raum nehmen. Es kann gefährlich sein.
Gleichzeitig gibt es mehr Räume für uns. Wir schaffen uns mehr Räume. Wir gehen in Räume.
Der Buchtitel erinnert mich daran, dass es ok ist, manchmal Raum einzunehmen.
Die Geschichten ermöglichen eine Auseinandersetzung mit Aspekten, für die sonst zu wenig Raum vorhanden ist.
📚 Buch und zusätzliche Informationen
- korientation e.V. (Hg.): raumnehmen – Menschen aus asiatisch-diasporischen Communitys in Deutschland erzählen (2025, Sprachen: Herkunftssprachen und de). w_orten & meer
- Praktisch und Verbunden: Bücher praktisch bekommen und lesen: Büchereien, Online Buchhandlungen mit gutem Zweck, ebook-Reader (2025) [orig: de]
- TED Talks, Chimamanda Ngozi Adichie: The danger of a single story (2009) [orig: en, Transkript in 49 Sprachen und autom. Übersetzung]. Inhalt: Die Gefahr einer einzelnen Geschichte. Relevanz: Der Vortrag ist heute immer noch gut und immer noch wahr. Der Vortrag verdeutlicht wie wichtig es ist, viele Geschichten zu haben.